Volontaire & Marie-Jeanne(Heller - Nr. 85604)
Produktinfo
BesprechungZum Vorbild
Fischfang ist ein zentraler Teil zur Ernährung der Weltbevölkerung. Während der Fischfang bis Mitte / Ende des 19. Jahrhunderts einen überwiegend lokalen Charakter zur Versorgung der Küstenregionen hatte, ist um die Jahrhundertwende eine Zunahme des kommerziellen Fischfangs zu verzeichnen. Mit der Steigerung der Leistungsfähigkeit der Fangflotten durch die Verwendung eines mechanisierten Antriebs einerseits war es andererseits durch schnellere Transportwege möglich, Meeresfrüchte auch im tiefen Binnenland anbieten zu können. Die Verwendung von Dampfmaschinen bedingte die Auslegung der Schiffe als Seitenfänger; das heißt, die Fangnetze wurden über die seitlichen Bordwände eingezogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg behielt man dies auch mit der Einführung von Dieselmotoren zunächst bei, dafür klassische Beispiele im Modellbau sind der Northsea Fishing Trawler in 1:142 von Revell und Volontaire / Marie-Jeanne in 1:200 von Heller. In den 1960er Jahren liefen dann die ersten Heckfänger vom Stapel, wie beispielsweise die Roc Amadour in 1:200 von Heller. Während mit diesen Schiffstypen der Fisch in gekühlter Rohform angelandet wurde, wird heutzutage der Fang auf Fabrikschiffen bereits auf hoher See endverbrauchergerecht verarbeitet (zerlegen/filetieren und ausnehmen, verpacken, tiefgefrieren).
Marie-Jeanne und Volontaire sind (der Bauanleitung nach) Schwesterschiffe, die auf der Werft Anciens Chantiers Dubigeon (ACD) in Nantes gebaut wurden. Volontaire (SM.767) wurde nach der Ausrüstung bei Association des Chalutiers Malouins im Februar 1950 abgeliefert, der Heimathafen war Saint Malo, der Betreiber die Association des Tralutiers Malouins. Modern für die damalige Zeit war die Ausstattung mit einem 1.100 PS Dieselmotor von Burmeister & Wain. Ursprünglich war das Schiff so konzipiert, dass von beiden Seiten gefischt werden konnte, bei einem Umbau hat man aber die Backbord-Schleppnetzausleger entfernt. Üblicherweise wurden drei Fischzüge pro Jahr auf Kabeljau zu den Neufundlandbänken gefahren. Im Jahr 1970 wurde die Volontaire stillgelegt und im März 1973 in Bilbao (Spanien) abgewrackt. Vorbildfotos von Volontaire findet man hier. Über die Marie-Jeanne ist nichts dergleichen dokumentiert, verschiedenen Quellen zufolge darf man sie als „Fantasiegebilde“ einordnen. Man kann dieses Schiff jedoch - ohne konkretes Vorbild - als Beispiel für diesen damals an der französischen Atlantikküste offenbar häufig zu sehenden Schiffstyp betrachten, wobei der Umbau zum Fischen allein von der Steuerbordseite aus in Frage gestellt werden darf; der Ansatz zu einem entsprechenden „Rück“bau ist hier (weiter unten) zu sehen.
Der Bausatz
Laut Scalemates hat der Kit bei Heller als Volontaire seinen Ursprung im Jahr 1967, danach kam er in Abwechslung mit Marie-Jeanne immer wieder auf den Markt, auch von Heller-Humbrol bzw. Humbrol. Seit 2020 wird das Twin-Set angeboten, aus dem beide Schiffe erstellt werden können; weiterhin gibt es ein Modellset mit Kleber, Pinsel und Farben. Der Bausatz zeigt die beiden Schiffe im Zustand nach dem Rückbau der backbordseitigen Fangeinrichtungen – durchaus ein Novum für eine solche Auslegung.
Der Inhalt
Auch dieser Kit wird in dem praktischen Klappdeckelkarton ausgeliefert, jeder Einzelbausatz ist in einem extra Klarsichtbeutel verpackt. Die obligatorische Ankerkette ist hier recht gut getarnt auf der Innenseite des Kartondeckels festgeklebt zu finden, in diesem Maßstab kann man eine Verwendung durchaus in Erwägung ziehen. Bauanleitung und Decalbogen liegen offen im Karton. Die Bauteile sind in dem von Heller bekannten, gut zu verklebenden grauen Kunststoff sauber abgespritzt. Heller scheint seine Formen sorgsam zu pflegen, trotz des hohen Alters sind keine Fischhäute, nur minimale Formtrennnähte sowie einige wenige, relativ leicht zu versäubernde Auswerfermarken und Sinkstellen zu sehen. Da kann sich manch anderer Hersteller eine dicke Scheibe davon abschneiden!
Die 84 Bauteile sind verhältnismäßig einfach und problemlos zu verbauen, die Passgenauigkeit ist gut bis sehr gut – bemerkenswert für fast 60 Jahre alte Formen. Auf den Rumpfteilen ist eine Wasserlinie graviert, was bei der Bemalung hilft. Die Decksteile sind mit beplankten Segmenten, auf denen eine feine Holzstruktur nachgebildet ist, versehen. Die Decksausrüstung wirkt grundsätzlich vollständig wiedergegeben, was aber definitiv fehlt (und sowohl auf der Boxart wie auch auf Vorbildfotos zu sehen ist), ist die A-förmige Verstrebung bugwärts des Fangmastes; die sollte auf jeden Fall ergänzt werden.
Manches, wie beispielsweise die Winden, ist vereinfacht dargestellt. Auch an den Aufbauten und den Radar- und Funkantennen auf dem Brückendach lässt die Detailtiefe etwas zu wünschen übrig, aber grundsätzlich kann man durch eine entsprechende Bemalung schon etliches herausholen. Manche Strukturen an den Aufbauten (beispielsweise die Fensteröffnungen in den Oberlichtern) sind seeehr dezent wiedergegeben, hier ist eine ruhige Hand, die den Pinsel führt, fraglos von Vorteil. Als ein Kuriosum aus der Entstehungszeit des Bausatzes darf Teil Nr. 21 betrachtet werden: eine wehende Flagge mit ordentlicher Materialstärke, die selbst bemalt werden darf; ein Decal dafür gibt es nicht.
Hand bzw. den Bohrer anlegen sollte man an den am Deck angegossenen Aufbautenwänden, hier sind keinerlei Bullaugen, Fenster oder Türen nachgebildet. Die Bemalungsanleitung hilft bei der Eigeninitiative etwas weiter (ebenso wie die Vorbildfotos auf o.g. Webseite). Die Fensteröffnungen an Brücke und Rumpf sind bausatzseitig bereits durchbrochen, Material für eine „Verglasung“ liegt jedoch nicht bei; ebensowenig wie Takelgarn: hierfür sind aber an den entsprechenden Teilen die benötigten Löcher bereits angelegt.
Auch hier ist die bei Heller-Schiffsbausätzen unvermeidliche Standard-Reling zu finden, die über alle Maßstäbe gleich ist. Trotz der nach wie vor seltsamen Ausführung ist die Gussqualität des hier in schwarzen Kunststoff produzierten Astes gut. Die Verwendung von Alternativen, beispielsweise in Form von Ätzteilen, sollte aber schon erwogen werden, da die Bauanleitung weder hier noch bei Bausätzen in anderen Maßstäben schlüssig angibt, wie hoch die Reling denn eigentlich werden soll – für 1:200 ist sie auf jeden Fall zu niedrig und für alle Maßstäbe zu klobig.
Die Decals
Der kleine, sauber, scharf und versatzfrei gedruckte Decalbogen beinhaltet Namen und Markierungen für beide Schiffe und ist somit – wie von anderen Heller-Bausätzen bereits bekannt – auf das absolute Minimum beschränkt. Auf Ahmings (so sie es denn gegeben hat) oder Bilder, die fehlende Decks- oder Aufbautendetails kompensieren sollen (wie von anderen Herstellern gern genommen), hat man verzichtet. Geht man von der Qualität der Bilder aus, die dem Bentley 4 ½ Litre Supercharged beiliegen, dürfte es bei der Verarbeitung keine Probleme geben.
Die Bauanleitung
Einen Quantensprung hat die Bauanleitung gemacht: aus dem einstmals aus wenigen in schwarz/weiß gehaltenen Explosionszeichnungen bestehenden Bogen ist ein Heft mit zwölf Seiten und acht recht übersichtlichen Baustufen geworden, in denen die Zeichnungen farbig unterlegt sind. Wie sinnvoll der Baubeginn mit Aufbauten- und Decksgruppen ist, sei dahingestellt, aber man muss ja nicht zwingend die Reihenfolge der Anleitung einhalten. Das Anbringen und Verlegen der Takelfäden ist in den Baustufen enthalten und beschrieben, die erforderlichen Fadenlängen sind angegeben. In Baustufe 8 ist dann die komplette Takelanleitung zu sehen.
Abschließend gibt es die Bemalungs- und Dekorationsanleitung für beide Schiffe – allerdings nur für die Steuerbordseite und die Draufsicht -, wobei Marie-Jeanne das etwas farbenfrohere ist. Zu beachten sind unbedingt die Decals 1/2 bzw. 6/7 (Namenszüge und Registrierungen): nach Vorbildfotos steht bugwärts der Namenszug, dann die Registrierung; dies bedeutet also eine (entgegen der Anleitung) seitengetauschte Anbringung der Bilder. Weitere Aufmerksamkeit erfordert der beschriebene weiße Rumpfabschluss am Heck: denkt man sich diese Angabe auf die Backbordseite weiter, müsste logischerweise der weiße Streifen – durch den Umbau bedingt – bis ins vordere Backbordviertel des Rumpfes gezogen werden: sieht recht seltsam aus. Ein farbiges Vorbildfoto von Volontaire zeigt jedoch, dass es in diesem Bereich keinen weißen Absatz gab und die dunkelgrüne Rumpffarbe bis an die Deckskante hochgezogen war – Problem gelöst. Die Farbangaben beziehen sich allein auf die Heller-Palette.
Darstellbare Maschinen:
Stärken:
Schwächen:
Anwendung: Aus der Box heraus einfach, durchaus anfängertauglich. Fazit„Oldie but Goodie“ - so mag der Bausatz ganz gut beschrieben sein. Der Modellierungsstil entspricht dem, was man von Heller kennt; es ist grundsätzlich ein anfängertauglicher Kit ohne große Allüren, und eine sehr gute Basis, wenn man daraus ein sehenswertes Modell bauen will, ein Beispiel ist hier zu sehen. Obwohl ich als jemand, der im Modellbau seit Jahrzehnten unterwegs ist, den Sinn von solchen Twin-Sets nicht wirklich erkennen kann, mag es für einen Anfänger durchaus sinnvoll sein: was beim ersten mal nicht wirklich gelungen ist, klappt möglicherweise beim zweiten mal recht gut. Auf jeden Fall bietet uns Heller hier ein weiteres schönes Modell eines zivilen Schiffes und eine interessante Alternative zum Revell-Trawler. Diese Besprechung stammt von Roland Kunze - 28. März 2026 © 2001-2026 Modellversium Modellbau Magazin | Impressum | Links |