Hawker HarrierEin Vintage-Selbstversuchvon Matthias Reinshagen (1:72 Airfix)
Sammeln oder bauen? Vintage-Kits (nicht nur von Airfix) stellen manche Modellbauer vor eine Gewissensfrage. Es geht hier weniger um den Erhalt von modellbauerischem Kulturgut. Schließlich sind Kits Massenprodukte, die keinen Artenschutz für sich in Anspruch nehmen können. Und zum Bauen gibt es praktisch von allen Vorbildern antiker Kits inzwischen moderne Varianten, die bei gleichem Aufwand zu einem besseren Ergebnis führen. Also doch besser die klappernd gefüllten Kartons in die Vitrine stellen, mit Blick auf die oft dramatischen Motive der Airfix-Box-Art von Roy Cross?
Ich behaupte, wer heute solche Antiquitäten baut, macht das bewusst und oft aus Gründen der Nostalgie. Ich erinnere mich lebhaft an die gut bestückte Airfix-Ecke in der Kleinstadt-Drogerie, wo ich Anfang der Siebzigerjahre gefühlte Unsummen meines Taschengeld liegen ließ, um dann daheim voller Begeisterung zu kleben und zu pinseln. Farbe und Leim waren überall, nicht nur auf dem Modell. Die Freude war groß und das Ergebnis – na ja. Da wird man schon neugierig: Bekommt man das fünf Jahrzehnte später besser hin?
Ein Selbstversuch sollte Klärung bringen. Es galt, den Harrier-Kit von Airfix auf die Räder zu stellen. Die Box aufgemacht – deja vu! Die Anzahl der Teile ist überschaubar, die Qualität viel besser als in Erinnerung. Die Bauanleitung, nach heutigen Maßstäben ein Bilderrätsel. Rumpf und Flügel fügten sich gut zusammen. Es ging nicht ohne Spachtel, aber das weiß man vorher. Für die Bewaffnung gibt es zahlreiche Optionen. Ich entschied mich für die Aden-Guns und Matra-Raketenwerfer. Damit dem Flieger nicht zu schnell der Sprit ausgeht, kamen an den Unterseiten der Tragflächen die großen Zusatztanks dazu. Eine Fummlei ist das Fahrwerk. Es galt, fünf Räder so auszurichten, dass alle Bodenhaftung haben und das Modell gerade steht. Mit Improvisation gelang es.
Lackiert wurde mit Acrylfarben aus dem Sortiment von Mr Hobby Aequous – natürlich mit dem Pinsel. Wenn schon Nostalgie, dann richtig! Die größte Überraschung waren die Decals. Nach zwei Wochen an der Fensterscheibe war der Gelbstich verschwunden. Sie ließen sich bestens verarbeiten, rissen nicht ein, zeigten kein Silvering. Ich habe zur Komplettierung noch die Staffelabzeichen sowie die typischen roten Markierungen an der Rumpfoberseite ergänzt. Schließlich noch eine Schicht seidenmatter Klarlack, dezentes Washing mit selbst gemixter grau-brauner Ölfarben-Whitespirit-Mixtur – fertig. Die Recherchen ergaben übrigens, dass die Maschine mit der Kennung XV 738 offenbar der erste in Dienst gestellte Harrier war.
Man kann das Modell drehen und wenden, wie man will: Es ist und bleibt halt ein Oldie. Perfektion geht anders. Der Harrier-Kit im Airfix-Programm aus neuen Formen fliegt dem Oldie in allen Belangen locker davon – horizontal wie vertikal. Aber der Vintage-Kit hat viel Spaß gemacht - und das zum sehr kleinen Preis. Fortsetzung folgt!
Matthias Reinshagen Publiziert am 13. Februar 2026 © 2001-2026 Modellversium Modellbau Magazin | Impressum | Links |