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Westland Lynx Mk.I

Der Luchs der Lüfte

von Matthias Reinshagen (1:72 Mistercraft)

Westland Lynx Mk.I

Der Westland Lynx zählt inzwischen zu den Klassikern der Militärhelikopter und erwies sich für seinen Hersteller als äusserst erfolgreiches Modell, das an Armeen weltweit exportiert wurde und in seiner Dienstzeit zahlreiche Updates zur Kampfwertsteigerung erhielt.

Aktuell führen Revell und Hobby Boss den Lynx in 1:72 im Programm, bieten jedoch ausschliesslich Marineversionen an. Der Umbau zu einer Maschine der Argentinischen Marine auf Revell-Basis wurde unlängst hier vorgestellt. Wer den Army-Lynx mit Kufengestell bauen möchte, muss sich im Internet und auf Börsen umschauen und trifft dort mitunter auf die älteren Kits von Airfix, Fujimi, Frog (Lynx-Prototypen) und Mistercraft. Letzterer kam kürzlich als Spontankauf für kleines Geld auf meinen Tisch.

Westland Lynx Mk.I

Dargestellt ist gemäss Bauanleitung und Packungsaufdruck ein «Aeromobile Lynx». Dieser Name ist fragwürdig. Eine derartige Typenbezeichnung wurde meines Wissens vom Hersteller nie geführt. Es handelt sich wohl um den Typ AH. Mk.1. Im Modell realisiert wurde die 1980 gebaute Vorbildmaschine der Royal Marines mit der Nummer XZ649 aus dem Jahr 1984. 1999 erfolgte im Rahmen des Upgrades auf die Version AH. Mk.7 der Einbau anderer Triebwerke und die Umrüstung auf modernisierte Rotorblätter des Typs BERP (British Enhanced Rotor Programme). Die nächste Station der Maschine nach seiner Ausmusterung war die Fakultät für Maschinenbau an der Universität Bristol. 2023 wurde dieser Heli dem Helicopter Museum in Weston-Super-Mare als Exponat übergeben (gem. https://helimuseum.com). Dem Mistercraft-Modell erspare ich den strapaziösen Lebenslauf des Originals, es wird nach seiner Komplettierung gleich im privaten Museum platziert.

Westland Lynx Mk.I

Was erwartet den Bastler mit diesem Low-Budget-Kit? Geliefert werden sechs Spritzlinge aus relativ weichem grauem Kunststoff mit einer sehr mässigen Oberflächendetaillierung sowie ein Klarsicht-Spritzling von unterdurchschnittlicher Anmutung. Mistercraft hat offensichtlich die Gussformen des alten Lynx-Kit der Firma Plastyk aus den 1990er-Jahren unverändert übernommen und nur die Box und die Bauanleitung neu gestaltet. Die Teile müssen ausnahmslos vor der Montage sauber verspachtelt und verschliffen werden – da glaubt man zu hören, wie die ausgelutschten Gussformen unter der Last des Alters ächzen und nach Pensionierung schreien. Die Spaltmasse sind vorsintflutlich, das grösste beträgt 1,5 Millimeter.

Westland Lynx Mk.I

Die Bauanleitung ist farbig und scharf gedruckt, grafisch sehr ansprechend gestaltet und sieht auf den ersten Blick schlüssig aus. Doch tatsächlich ist sie ein Rätselheft. Der Spritzling mit den Teilen für Army-Version, die auf dem Deckelbild gezeigt ist (mit Kufengestell) kommt in der Anleitung nicht vor. Die Teile der anderen Spritzlinge wiederum sind nur in der Bauanleitung nummeriert, nicht aber am Giessast. Offensichtlich packt Mistercraft alle Teile für alle angebotenen Versionen in denselben Karton und ändert nur den Deckel und die Bauanleitung. Im Falle unseres Kits heisst das: Die Teile für den trägergestützten Navy-Lynx (u. a. mit Torpedos, runder «Nase» und Rädern) werden nicht verwendet und wandern direkt in die Teilkiste. Haarsträubende Übersetzungsfehler des Textes ins Deutsche erschweren mitunter das Verständnis der Bauanleitung. Wenn es beim Schritt 15 um die Montage des Landegestells geht und die Anleitung diese mit «Montage des Beam Schwanz» erklärt, wünscht sich der Bastler doch, Mistercraft hätte mehr Mühe in eine professionellere Übersetzung investiert.

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Beim Bau heisst es genau hinschauen und immer mit wachem Auge die vorsorglich recherchierten und hoffentlich zahlreichen Vorbildinfos zu beachten. Sonst wird das Projekt zum Blindflug. So liegen dem Giessast der Army-Version die vorbildgetreuen BERP-Rotoren mit den schaufelartigen Enden bei. Doch die Anleitung weist nur auf die frühere Version mit den geraden Rotoren hin. Die sind jedoch auf dem Spritzling der Marine-Version zu finden.

Weiterhin müssen je nach Version die kastenförmigen Aufsätze für die Diffusoren an den Turbinenauslässen montiert werden. Wie, das verrät die Anleitung nicht. Die beiden Boxen müssen aus je drei Teilen zusammengesetzt werden, die sich am gleichen Giessast wie die Kufen und die spitze «Nase» befinden. Dieser Zusammenbau ist einfach, weil durch die Form der Teile nahezu selbsterklärend.

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Das Teil 10 (oberer Rumpfabschluss) wird vor der Montage oben auf dem Rumpf in seinem hinteren Abschnitt gekürzt, um Platz für die Diffusoren zu schaffen. Auf der Innenseite von Teil 10 befindet sich bereits eine vorgeprägte Kerbe zur Orientierung, wo die Säge anzusetzen ist. Das B-förmige Teil mit den beiden angedeuteten Kreisen wird mit der geraden Seite nach unten auf die entstanden Öffnung geklebt, um diese abzuschliessen. Und abermals heisst es: Spachteln und schleifen, bis die Sonne untergeht. Danach erfolgt die Montage der beiden Diffusoren.

Diese sind übrigens auch insofern ein wertvolles Zubehör, weil sie (unter Verwendung passender Decals auf dem Lynx-Bogen von Target Decals, Air Graphic 72004) auch den Bau von zwei farblich interessanten Versionen zulassen: der in Weiss umlackierten UN-Maschine XZ221 der UNPROFOR aus der Bosnien-Mission 1995 und des Lynx im sandbeige/ grau-rosa Tarnschema des Helikopters, der zuvor 1991 in der Operation Granby («Desert Storm») zum Einsatz kam.

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Als Aussenlasten sind am Spritzling ein kugelförmiges Kameragehäuse sowie zwei schlecht detaillierte zylindrische Waffenbehälter vorhanden, vermutlich Raketenwerfer. Ob diese an den darstellbaren Maschinen tatsächlich verwendet wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. TOW-Raketen liegen keine bei, obgleich sie auf dem Deckelbild gezeigt sind und das auf dem Kabinendach zu montierende Teil 30 die Visiereinrichtung für eben diese Bewaffnung wiedergibt.

Der Bau ging insgesamt problemlos voran, doch spätestens bei der Vorbereitung für die Montage der grossen Kabinenverglasung zeigte sich: Die Proportionen stimmen nicht, denn die Frontscheiben sind deutlich zu niedrig geraten. Lässt man das so, stimmt der Eindruck nicht. Abhilfe ist möglich, aber aufwändig. Man muss dazu die obere, rundum geführte Kante der Scheiben abschleifen und beim Abkleben der Scheiben vor dem Grundieren die gerundete Trennkante zu den Dachfenstern neu und höher setzen. Ärgerlich, dass die Formenbauer bei diesem Detail nicht genau hingeschaut haben. Scheibenwischer liegen keine bei. Das heisst abermals Eigenbau, wie zuvor schon bei den heli-typischen Steuereinrichtungen, den Griffen für die Schiebetüren, dem Hecksporn, den Positionslichtern, dem Rotorkopf und den Sitzgelegenheiten im Frachtraum. Es gibt also richtig was zu tun.

Westland Lynx Mk.I

Die Bemalung ging gut von der Hand. Das Grasgrün-Hellgrau-Schema der Lackierung der AH7- Upgrade-Version wurden gemäss Vorbildfotos aus Revell-Dosen angemischt. Hierbei ist das Farbgefühl von Nageldesignerinnen gefragt. Die Farbangaben in der Kongruenztabelle der Bauanleitung, angegeben in Federal-Standard und RAL-Tönen, sind nämlich wertlos, da grösstenteils falsch. Die beiliegenden Decals sind Mittelmass, Stencils fehlen. «Possible obtain as separate sheet», rät die Anleitung. Wenn man den Bau bis zu diesem Zeitpunkt durchgehalten hat, ohne den halbfertigen Vogel aus dem Fenster zu werfen, findet man solche Tipps nur noch erheiternd, nicht als Zumutung. Einige Decals wurden darum selbst gefertigt. Zum Schluss ein Überzug mit Klarlack, Washing, und der Heli war fertig.

Westland Lynx Mk.I

Fazit:

Der Lynx-Kit von Mistercraft ist ein alter und rudimentärer Bausatz von mässiger Qualität mit einer hingeschluderten Bauanleitung. Nur wer Erfahrung mitbringt und seeeehr viel Geduld und Begeisterung für die Recherche, Nacharbeit und Produktion fehlender Teile investiert, hat die Chance auf ein schönes Modell. Klare Kaufwarnung: Definitiv kein Projekt für Anfänger. Eine Neuauflage des Army-Lynx in 1:72 mit zeitgemässer Qualität ist überfällig.

Matthias Reinshagen

Publiziert am 24. April 2026

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