Vought OS2U Kingfisherder "salzige Seehund"von Matthias Reinshagen (1:72 Airfix)
Nach den ermunternden Erfahrungen mit dem Hawker Harrier und dem Lysander landete gleich der nächste Airfix-Vintage-Kit auf meinem Tisch: Der Vought Kingfisher (zu deutsch: Eisvogel). Der Airfix-Bausatz nach dem Vorbild des erfolgreichen Aufklärungs- und Rettungsflugzeugs aus dem 2. Weltkrieg wurde 1967 lanciert und letztmalig 2010 aufgelegt. Die Formen blieben über die Jahre hinweg gleich. Verändert haben sich lediglich Box und Decals.
Die Decals im Kit lassen auch den Bau der Maschine zu, mit denen Lt. John A. Burns im April 1944 neun abgeschossene Kameraden im Chuuk-Atoll rettete. Mit dieser Zuladung war das Flugzeug natürlich nicht mehr startfähig, sondern es brachte die Passagiere als Wassertaxi zu einem wartenden U-Boot in Sicherheit. Der Kingfisher verdankte seinen Ruf nicht zuletzt solchen abenteuerlichen Episoden während des Pazifikkrieges. Besatzungen sollen ihre Maschinen liebevoll «Salty Seadog» genannt haben… Das Original weckt grosse Erwartungen – erfüllt sie der Kit? Der Blick auf die vergilbte Bauanleitung beamt einen in die Sechzigerjahre zurück. Es gibt zwei Explosionszeichnungen und eine rudimentäre Anleitung für die Bemalung. In einem englischen Text wird der Bastler in 39 Schritten zu Ziel geführt. Wenn man allerdings Pech hat, steigt das Level der Anforderung schlagartig: Nur einer der beiden Kingfisher-Kits, die ich erwerben konnte, besass nummerierte Giessäste. Beim zweiten Kit, offenbar aus einer anderen Serie, fehlten diese.
Da die Teile aber aufgrund der Strichzeichnungen der Anleitung meist problemlos identifiziert werden können, wird ein halbwegs erfahrener Bastler hier nicht jammern und die Bauanleitung aufgrund seiner Erfahrung in der Montagelogik von Flugzeug-Kits wahrscheinlich gar nicht benötigen. Materialgüte und Passgenauigkeit des Airfix-Oldies sind meist in Ordnung. Gleichwohl gab es beim Zusammenbau einige Punkte, die hier erwähnt werden sollen, damit die Montage reibungslos vonstatten geht. Es ist unbedingt ratsam, Vorbildfotos zu sammeln, bevor der Bau startet. Bei der Montage geht es kaum ohne, möchte man Lücken und Unklarheiten der Bauanleitung beseitigen. Dazu gleich mehr. Der Kingfisher ist im Internet gut dokumentiert. Der Kit bietet die Möglichkeit, die Version mit Schwimmern zu bauen, die per Katapult gestartet wurde, wie es die Boxart darstellt. Auch die Version mit Radfahrwerk, die als Reiseflugzeug für die Admiralität dienten, lässt sich erstellen. Schritte 1-17 sind für beide Versionen identisch. Schritte betreffen 18-21 die Räderversion, 22-39 die Schwimmerversion.
Die Verglasung der Kabine besteht aus fünf Teilen, zwei für den vorderen und drei für den hinteren Teil. Diese Lösung bietet den Vorteil, dass man, falls gewünscht, die verschiebbaren Segmente der Cockpithauben offen darstellen kann. Das macht vor allem dann Sinn, wenn man weitere Details im Cockpit ergänzen möchte. Der Kit bietet hier nicht viel. Die transparenten Teile sind passabel. Die Rahmen der Verglasung wurden aus lackierten Decalstreifen gefertigt. Ich habe die Möglichkeit an diesem Kit mal ausprobiert, werde sie aber künftig nicht mehr nutzen.
Der grosse Schwimmer wird am Rumpf mit drei Streben (Teile 35-37) befestigt. Aber wo? An der Rumpfunterseite sind keine Passhilfen vorhanden. Die genaue Position lässt sich nur durch Fotos ermitteln. Entweder man schneidet die rechteckigen Öffnungen ein. Oder als elegantere Alternative: Man bringt aus dünnem Plasticsheet Rechtecke mit einer mittigen Aufnahmeöffnung an. Optisch fällt diese Abweichung zum Vorbild am fertigen Modell kaum auf und macht es einfach, eine präzise Lösung zu erreichen.
Beim originalen Kingfisher gab es ausser den drei massiven Streben noch eine x-förmige Versteifung zwischen der (von vorne gesehen) ersten und zweiten Unterrumpfstrebe. Diese muss selbst hinzugefügt werden, wenn eine vorbildgetreue Optik gewünscht wird. Aus Messing-Rundstab mit Stärke 0.5 mm werden die Teile gesägt. Nun beginnt der fummelige Teil. Denn ausserdem gab es an jeder Seite noch zwei weitere Verspannungen zwischen Rumpf und Hauptschwimmer aus je zwei Drahtseilen. Hier kommt wiederum Messing-Rundstab zum Einsatz, diesmal von der Stärke 0.25 mm, geklebt auf kleine Stücken von Plastikstreifen (siehe Foto). Die genaue Position am Flugzeug lässt sich aus Fotos ermitteln. Nachdenken ist auch bei der Montage der Stützschwimmer gefragt. Die äusseren Streben in Form eines spiegelverkehrten «N» werden steuerbord wie backbord am äusseren Lochpaar angebracht und senkrecht eingeklebt (Teile 45, 46). Doch unklar ist, in welchem Winkel die Abstützungen (Teile 47, 48, 49, 50) nach innen stehen. Nach einigem Probieren gab ein Abstand von 12 mm das beste Ergebnis. Nach dem kompletten Durchtrocknen ist Zeit für die Anpassung an die Unterseiten der Tragflächen. Dort sind jedoch wiederum keine Öffnungen vorgebohrt. Das Studium von Vorbildfotos löst auch hier das Rätsel.
Lackiert wurde Vintage-like mit dem Pinsel und Mister Hobby Aequous-Acrylfarben auf eine gesprühte graue Tamiya-Grundierung mit einem finalen matten Klarlacküberzug mit Revell Aqua Color. Ein dezentes weissgraues Washing, um die Oberflächenoptik einer vom Salzwasser gezeichneten Maschine zu imitieren, schloss den Bau ab.
Fazit:Zu denken, ein kleiner Kit gäbe wenig Arbeit, ist ein Trugschluss. Bei diesem Bausatz passiert viel auf wenig Raum. Er riecht teilweise nach Shortrun. Gleichwohl bietet der alte Seehund viel Bastelspass, wenn man bereit ist, sich auf die Eigenheiten eines jahrzehntealten Modellbausatzes einzulassen und vor ein bisschen Scratchbuild nicht zurückschreckt. Matthias Reinshagen Publiziert am 27. Mai 2026 © 2001-2026 Modellversium Modellbau Magazin | Impressum | Links |