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Renault UE

von Thomas Hannecke (1:35 Mirage Hobby)

Renault UE

Zum Vorbild

Bei dem Wort "Panzer" fallen einem spontan feuerspeiende, stählerne Kolosse ein. Wer sollte da glauben, dass ein Panzer, in der Basisausführung gerade mal 1,25 m hoch und unbewaffnet, mit über 5.000 produzierten Exemplaren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zu den zahlenmäßig erfolgreichsten Panzerfahrzeugen gehörte? Und doch war es so.

Der Ursprung des Projekts datiert zurück in die frühen Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Die militärische Führung Frankreichs hatte aus Ersten Weltkrieg die Lehre gezogen, dass eine Motorisierung der Armee unumgänglich war und hierzu eine Wunschliste von Fahrzeugen erstellt, von schweren Kampfpanzern bis hin zu LKW´s. Einer dieser Fahrzeugtypen (später als Typ N bezeichnet) sollte ein kleines gepanzertes Fahrzeug sein, dessen Besatzung geschützt vor Infanteriewaffenfeuer Verpflegung, Munition als auch Waffen wie Maschinengewehre oder Mörser direkt bis in die vordersten Linien hätte transportieren können. Bei dieser Liste blieb es zunächst einmal, die ökonomische Situation in Frankreich, wie auch in Resteuropa, ließ keinen Raum für ausufernde Rüstungsausgaben.

Erst 1930 wurden die Pläne wieder aufgegriffen, und die Commission de Vincennes bat die Firmen Brandt, Citroen und Renault, entsprechende Vorschläge einzureichen. Citroen Kégresse ging mit jeweils drei Prototypen eines Halbketten- bzw. eines Vollkettenfahrzeugs ins Rennen, die sich bei der Erprobung nicht bewährten und schnell aus dem Rennen ausschieden. Brandt war mehr eine Designfirma, kein Fahrzeughersteller. Ihr Besitzer, Edgar Brandt, war ein Universalist, wie sie heute leider beinahe ausgestorben sind. In Frankreich ist er berühmt als Schmuck- und Interieurdesigner des Jugendstils und des Art Deco, er entwarf und erfand aber ebenso technische Geräte und Waffen wie den Brandt Mörser, der bei der Armee bereits Verwendung fand. Das rückte ihn in den Kreis möglicher Bewerber. Auf der Suche nach einem geeigneten Transportfahrzeug für seinen Mörser wandte er sich an die britische Firma Vickers, die ihm einen ihrer Cardon-Lloyd Mk. VI Tanketten zur Verfügung stellte. Eine Vorführung dieses Zwergtanks erregte das Interesse der französischen Armee,  woraufhin Brandt beim französischen Fahrzeugbauer Latil 5 weitere Prototypen bestellte, die bis auf kleine Details mit dem britischen Vorbild identisch waren. Hinzu kamen sechs Anhänger, ebenfalls beinahe eine Kopie des englischen Vorbilds.

Renault UE

Letztlich machte Renault mit seinem eigenen Entwurf UE (eine Werksinterne Bezeichnung, der Anhänger wurde als UK bezeichnet) das Rennen.  Renault war, was Panzerfahrzeuge betraft, durch seinen überaus erfolgreichen Renault FT 17 der Platzhirsch, verfügte über ausreichend Erfahrung und die nötigen Produktionskapazitäten. Und es war eine französische Firma, man wollte sich nicht vom Ausland abhängig machen. 6 Prototypen wurden ab dem Frühsommer 1930 ausgiebig erprobt, und im Dezember 1931 wurde ein erster Auftrag zum Bau von 50 Serienfahrzeugen unter der Bezeichnung "Chenillette de ravitaillement d'Infanterie Modèle 1931" erteilt.

 

Der Renault UE war in jeder Hinsicht ein Winzling. Bis zur Oberkante der Chassis war er gerade mal 1.03m hoch, und die 2 Mann Besatzung, die links und rechts des Motors saß, ragten über die Oberkante hinaus. Um sie zu schützen waren über ihren Köpfen halbkugelförmige gepanzerte Kuppeln mit einem Sichtschlitz nach vorne angebracht, die außerhalb eines Gefechts nach hinten geschwenkt werden konnten, wie am Modell schön zu sehen ist. Die Panzerung war schwach, 9mm an der Front, 6mm an den übrigen Seiten. Gerade mal ausreichen, Gewehrkugeln oder kleiner Splitterfragmente zu stoppen.

Im Heck war ein ober offener Behälter zum Transport von Waffen und Munition angebracht, der wie die Mulde eines Kipplasters zum schnellen Entladen gekippt werden konnte. Dies war vom Fahrzeuginneren aus möglich, die Besatzung  musste hierzu nicht aussteigen und sich in Gefahr begeben. 350kg konnten in dieser Kippe transportiert werden.

Weitere 600kg Nachschub fanden im UK Anhänger Platz, der vom Fahrzeuginneren aus abgekoppelt werden konnte.

Renault UE

Der 38 PS leistende Vierzylinder-Benzinmotor von Renault war zwischen dem Kommandanten und dem Fahrer angebracht. Dadurch wurde es im eh schon beengten Innenraum ziemlich heiß und, schlimmer noch, die beiden Besatzungsmitglieder konnten einander weder sehen noch hören. Um eine, wenn auch einfach und einseitige Kommunikation zu ermöglichen, waren links vom Kommandanten vier Knöpfe angebracht. Wurden sie betätigt, leuchtete auf einem Paneel vor dem Fahrer eines von vier verschiedenfarbigen Lämpchen auf, das entweder blinken oder ununterbrochen leuchten konnte. Weiß bedeutete vorwärts fahren, blau links herum, grün rechts herum, rot stehenbleiben, rot blinken langsamer fahren usw.

Schnell wurde klar, dass das Fahrzeug auch seine Nachteile hatte. Der Schwachpunkt war das von Vickers übernommene Fahrwerk, der Panzer ruckelte stark, die Ketten nutzten sich schnell ab, und die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 36 km/h war ein eher theoretischer Wert. Das war auch weiter nicht schlimm, ebenso wenig wie die geringe Reichweite von ungefähr 100 km. Auf kurzer Entfernung konnte es gut mit der marschierenden Infanterie mithalten, im Gelände waren hohe Geschwindigkeiten eher zweitrangig. Auf langen Strecken auf der Straße wurden die Fahrzeuge auf spezielle Anhänger verlastet zur Schonung der Ketten.

Die schnelle Aufrüstung Deutschlands ab der Mitte der 30iger Jahre wurde in Frankreich zurecht als Bedrohung angesehen, und so kam es 1937 zu einer Ausschreibung für einen Nachfolger des UE. Renault ging mit dem UE 2 (der sich äußerlich kaum von seinem Vorgänger unterschied) ins Rennen, weitere Entwürfe wurden von weiteren Firmen eingereicht. Letztlich konnte sich Renault durchsetzen. Bis zum Beginn des Westfeldzugs im Mai 1940 wurden 4.977 Fahrzeuge beider Untertypen gebaut.

Renault UE

Zu diesem Zeitpunkt waren, zumindest im französischen Mutterland, praktisch alle Infanteriedivisionen mit dem Renault UE ausgerüstet. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass sie unter den Bedingungen eines Blitzkriegs für Nachschubzwecke praktisch nutzlos waren. Vereinzelt wurde sie für Aufklärungsmissionen eingesetzt, erfolgreich sogar. Diese fielen in das Aufgabengebiet der Kavallerie, und die hatte sich schon lange eine bewaffnete Variante gewünscht. Das französische Oberkommando hatte die Forderung bis dahin adamant abgelehnt, es sollte unter allen Umständen vermieden werden, den Renault UE wie eine Tankette einzusetzen Für den Export hatte Renault auch bewaffnete Versionen entwickelt (und verkauft), und im Frühsommer 1940 sollte auf einmal alles, was Ketten und Panzerung hatte, auch Waffen tragen. Entsprechende Bestellungen der französischen Armee gingen ein, aber wie viele der mit Maschinengewehren oder Panzerabwehrkanonen ausgerüsteten Varianten tatsächlich noch gebaut wurden, ist unklar. An die Front kamen auf jeden Fall bestenfalls einzelne Exemplare.

Nach dem Fall Frankreichs fielen den Deutschen rund 3.000 Renault UE in die Hände. Die meisten dienten unter der Bezeichnung Infanterie UE-Schlepper 630(f) oder Munitionsschlepper Renault UE(f) für ihren ursprünglichen Einsatzzweck, wobei die Ladekippe später einen gepanzerten Deckel erhielt. Gleichzeitig begann aber auch eine erstaunliche Evolution, die zu den absonderlichsten Umbauten führte. Hier einige Beispiele:

  • Zugmaschine für die 3,7 cm Pak 36
  • Selbstfahrlafette Pak 36 auf Renault UE-Chassis
  • Flugzeugschlepper auf Flugplätzen
  • Mannschaftstransportwagen Renault UE(f)
  • Schneeschleuder Renault UE(f)
  • Schneefräse Renault UE(f)
  • Fernmeldekabel-Kraftwagen Renault UE(f)
  • Panzerkampfwagen-Attrappe auf UE(f) mit einem Sperrholzaufbau, der einem russischen T-34 ähnelte
  • Sicherungsfahrzeug UE(f) (ein gepanzertes und bewaffnetes Fahrzeug zur Flugplatzsicherung)
  • Selbstfahrlafette für 28/32 cm Wurfrahmen auf Infanterie-Schlepper UE(f)
  • Beobachtungspanzer auf Infanterie-Schlepper UE(f)

Unter ihren neuen Besitzern dienten sie in ganz Europa: auf dem Balkan, in Russland, in Italien und nach der alliierten Invasion in der Normandie auch in Frankreich. Bei ihren deutschen Besatzungen waren sie aufgrund ihrer Robustheit und Zuverlässigkeit sowie wegen ihres niedrigen Profils beliebt, die den Nachteil des geringen Panzerschutzes mehr als wett machten.

Renault UE

Mein Modell

Zum Bausatz Nr. 355027 der polnischen Firma Mirage aus dem Jahr 2015 lässt sich nur  wenig, aber durchweg positives sagen: gute Passgenauigkeit, ausreichende Detaillierung, unschlagbarer Preis - Bastelspaß pur.

Das Kleindiorama zeigt zwei deutsche Panzersoldaten, die während der Überführungsfahrt eines erbeuteten Renault UE zur Materialsammelstelle in Frankreich eine Pause einlegen und dabei unerwarteten Besuch bekommen.

Renault UE

Thomas Hannecke

Publiziert am 06. Dezember 2022

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