Marcel Besson MB.411von Roland Sachsenhofer (1:72 Fly)Die fünf Finger einer Hand: mehr braucht man nicht, um alle erfolgreichen Konstruktionen jener exklusiven Flugzeugklasse aufzuzählen, der die hier vorgestellte Marcel Besson MB.411 „Pétrel“ angehört. Soviel sei hier verraten: es sind gerade einmal zwei Nationen, welche die gewagte Idee eines Einsatzes von Fluggeräten auf U-Booten nicht nur erprobt, sondern auch tatsächlich zur Einsatzreife gebracht haben: Japan und, mit dem hier vorgestellten Beispiel, Frankreich. Ich werde am Ende dieses Artikels noch einmal auf diesen Punkt zu sprechen kommen.
Bordflugzeug für den U-Bootkreuzer SurcoufDie Marcel Bessin MB.411 war für den Einsatz auf dem gigantischen U-Boot-Kreuzer Surcouf maßgeschneidert worden: Frankreichs Marine suchte seit Ende der 20er-Jahre nach einem leichten Bordaufklärer für die neue Klasse an geplanten Unterseeboot-Riesen. Konstrukteur Marcel Besson, der sich schon mit der Konstruktion gewaltiger Riesen-Seeflugzeuge einen Namen gemacht hatte, entwickelte daraufhin die Prototypen MB.35 und MB.410. Der Auftrag für das neue U-Boot Bordflugzeug sollte ihm jedoch kein Glück bringen. Nachdem der Prototyp 1933 bei Tests abgestürzt und Bessons Firma in Folge endgültig in den Bankrott geschlittert war, übernahm die Werft ANF-Les Mureaux das Projekt und entwickelte daraus die verbesserte MB.411 „Pétrel“.
Der Erstflug fand im Juni 1935 statt. Der Tiefdecker war in Gemischtbauweise aus Holz, Metall und Stoff gefertigt und wurde von einem 175 PS starken Salmson 9Nd-Sternmotor angetrieben. Die Leermasse von 760kg stieg bei voller Zuladung auf 1140kg. Die Konstruktion erreichte 190km/h Spitze, die maximale Reichweite wird mit 400 Kilometer angegeben.
Mit einer Länge von 8 ,25 Metern bei einer Spannweite von 12 Metern -das entspricht immerhin jener einer Spitfire!- war die MB. 411 so knapp wie möglich bemessen, musste sie zerlegt doch in einem zylindrischen Raum von nur zwei Metern Durchmesser und sieben Metern Länge verstaut werden können. Eine eingespielte Besatzung konnte die Tragflächen an Deck innerhalb von 20 Minuten montieren, woraufhin das Flugzeug allerdings noch mit einem Schiffskran zu Wasser gelassen werden musste. Auf ein Katapult nach Vorbild der Japaner hatte man verzichtet. Die Demontage nach der Landung und dem An Bordbringen per Kran dauerte ähnlich lang.
Zum Original: Besson MB.411 Petrel mit der Kennung HS-73Es wurden insgesamt nur zwei Serienmaschinen der MB.411 gebaut, beide sollten ein ähnliches Schicksal teilen. Neben dem 1933 verunglückten Prototypen MB.410 wurden zwei modifizierte Serienflugzeuge mit den Kennungen HS 73 und 7S4-8 gefertigt.
Die hier im Modell gezeigte Besson MB. 411 /HS 73 war die erste der beiden gebauten Maschinen. Sie wurde im Sommer 1935 an die französische Marine ausgeliefert und im September desselben Jahres für die Jungfernfahrt in der Karibik an Bord der Surcouf genommen. In den kommenden Jahren sollte das Schwimmerflugzeug auf allen Fahrten mitgeführt und intensiv genutzt werden. Im Juli 1938 erfolgte dann der Tausch gegen die zweite gebaute Besson MB. 411 mit der Kennung 7S4-8. Die HS 73 verblieb daraufhin auf einer Landbasis in Frankreich bei der Aufklärungsstaffel Escadrille 7S4 in Saint-Mandrier.
Während die zweite Maschine im Zuge des Westfeldzuges mit der Surcouf nach England entkommen konnte, verblieb die HS 73 in Frankreich. Nach der französischen Kapitulation im Sommer 1940 fiel die Maschine in die Hände der deutschen Wehrmacht, wurde in der Folgezeit als Totalschaden abgeschrieben und bald darauf verschrottet.
Wie angekündigt schließe ich diese Ausführungen mit einer Bemerkung zu den fünf Fingern einer Hand: alle vier fehlenden Flugzeugmuster stammen aus dem Kaiserreich Japan: Watanabe E9W, Yokosuka E6Y, Yokosuka E14Y und, sozusagen als technologische Krönung, die Aichi M6A1 Seiran. Diese Bordflugzeuge wurden von U-Booten der J1M Klasse oder den bekannteren I-400 Booten aus regelmäßig von den Vorkriegsjahren an bis zum Kriegsende 1945 eingesetzt, während es in anderen Nationen bei bloßen Versuchsmustern blieb, die bald wieder aufgegeben worden waren. Hier sind für Deutschland die Arado 231, für Großbritannien die Parnall Peto und für die Vereinigten Staaten die Cox-Klemin XS-1/ XS-2 als Beispiele anzuführen. Diese Auflistung verdeutlicht die Sonderstellung der Besson MB.411: wenn auch nicht in großer Serie gefertigt, stellt dieser exotische Sturmvogel („Petrel“) doch Europas einziges erfolgreiches Unterseeboot-Bordflugzeug dar. Ein Platz in der Geschichte sollte ihm damit gesichert sein.
Zu Bausatz und BauprozessDas Projekt der MB.411 startete parallel mit dem Bau des Unterseebootes Surcouf im Maßstab 1:350. Dem dafür verwendete Bausatz von HobbyBoss lagen zwar zwei Sätze Bauteile für das Bordflugzeug bei, ich hatte diesbezüglich allerdings andere Pläne. Nachdem mich im Vorfeld die Geschichte der Surcouf zu faszinieren begonnen hatte, wollte ich unbedingt eine MB. 411 neben der Surcouf in die Vitrine stehen haben. Zu meiner großen Freude -und, ich gestehe, ebensolchen Überraschung- sollte sich tatsächlich eine Möglichkeit dazu finden!
Die Bausatzteile sind ordentlich ausgearbeitet und sauber gegossen, sodass ich die MB. 411 mehr oder minder ohne große Modifikationen aus der Schachtel bauen konnte. Allein bei dem umfangreicher Strebewerk der Schwimmer habe ich manches gegen robustere Drahtstangen ausgetauscht. Dies befördert nicht nur die Stabilität, sondern durch die damit gewonnenen präziseren Formverläufe auch die Optik des Modells. Dies betrifft etwa die beiden bugseitigen Abstrebungen des zentralen Schwimmers oder die seitlichen Stützstreben der beiden Schwimmer unter den Flächen.
Modifiziert wurde auch die Verglasung der beiden offenen Cockpits. Hier erschienen mit die Bausatz-Klarsichtteile als zu dickwandig. Da deren Flächen jeweils plan sind, habe ich mir Folgendes zugetraut: aus Klarsichtfolie wurde die je drei Seiten ausgeschnitten, um dann im fertig montierten Zustand am Modell mit einem Rahmen aus feinen und im Vorhinein bemalten Stücken Flachdraht versehen zu werden.
Ich empfehle allen Interessierten auch den Erwerb des von Fly selbst angebotenen Ersatzes für die Motorhaube. Dieses feinwandige Kunstharz-Stück ist einteilig gegossen und muss nur minimal versäubert werden. Die Bausatteile dagegen bauen die Motorverkleidung aus drei dickwandigen Kunststoffteilen auf, was an sich schon eher unschön aussieht. Die resultierenden Klebenähte müssten danach noch versäubert werden, was eine fast unmögliche Aufgabe darstellt, da dabei mit Sicherheit die eng beieinander liegenden „Buckel“ der Zylinderkopfverkleidung beschädigt würde. Der Sternmotor selbst wie auch die allermeisten Kunststoffteile des Bausatzes machen dagegen einen durchgehend sehr guten Eindruck. Die Passgenauigkeit liegt durchgehend zwischen passabel bis sehr gut.
Die Marcel Besson MB.411 ist mit zwei gebauten Exemplaren und ihrem außergewöhnlichen Einsatzspektrum im Original ein ähnlicher Exot, wie es der Bausatz von Fly als Modell ist. Wer hätte damit gerechnet, dass es einen wirklich gut gemachten Bausatz dieses so außergewöhnlichen Flugzeugs geben könnte? Original wie Bausatz haben für mich auch nach dem Ende des Projekts einen großen Reiz und ich freue mich, beide Modelle in zwei Maßstäben nun nebeneinander in der Vitrine stehen zu sehen!
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Roland Sachsenhofer Publiziert am 29. October 2026 © 2001-2026 Modellversium Modellbau Magazin | Impressum | Links |