Der doppelte LotusLotus Esprit Turbo SE und Lotus Esprit Sport 300von Matthias Reinshagen (1:24 Monogram)
«Mit einem starken Auto ist man auf der Geraden schnell – mit einem leichten Auto überall!» Colin Chapmans Credo prägte zeitlebens seine Arbeit als Konstrukteur. Der Lotus-Pionier, Unternehmer und Rennstall-Gründer ging akribisch, ja exzessiv auf die Suche nach überflüssigem Ballast, meist mit Erfolg. Kritiker warfen ihm vor, sogar bei lebenswichtigen Bauteilen seiner Formel 1- Rennwagen wie Radaufhängungen oder Bremswellen mit dem Gramm zu geizen und Gewicht vor Sicherheit zu setzen.
Chapmans Strassensportwagen waren nicht derartig grenzwertig konstruiert, gerieten aber anfangs kaum weniger exzentrisch. Nach kompromisslosen Fahrmaschinen für Hardcore-Sportfahrer wie Elan und Seven schlug Lotus mit den Modellen Eclat, Elite und Esprit den Kurs in Richtung zu mehr Komfort ein. Im Design orientierten sie sich an der zeitgenössischen Keilform, die in den Siebzigern international verstanden und geschätzt wurde. Und sie waren ausgerichtet auf die Wünsche einer breiteren Gruppe von Sportwagenfans (auch im wichtigen Exportmarkt USA), die statt spartanischer Härte und rennwagenmässiger Enge bequeme Lederpolster und Platz für ein bisschen Reisegepäck durchaus schätzten.
Der 1975 erstmals angebotene Esprit, basierend auf einem Giugiaro-Entwurf, kam stilistisch aus der Ära von Alfa Romeo Carabo und Maserati Boomerang. Er war mit seinen Ecken und Kanten noch ganz ein Kind seiner Zeit. Die Karosserie der zweite Esprit- Generation (1988-2003) gestalteten hausintern Peter Stevens und Colin Spooner. Das Ergebnis fand sogar den Beifall des grossen Meisters Giugiaro. Die Linien des Mittelmotor-Sportlers wurden gegenüber dem Erstling zeitgeistig abgerundet, ohne dadurch dem Design seine Eigenständigkeit und Wirkung zu nehmen. Es blieb mit kleineren Retuschen an Front und Heck bis zum Ende der Bauzeit unverändert.
Angesichts der erfolgreichen Motosportgeschichte von Lotus kommt natürlich die Frage auf: Wie schlug sich der Esprit auf der Piste? Anfangs gut. Doc Bundy gewann 1992 die IMSA Bridgestone Supercar Championship auf der Rennversion Lotus Esprit X180-R, die von der SE-Version abgeleitet wurde. Weiterer motorsportlicher Ruhm blieb dem Esprit verwehrt. Beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans 1993 scheiterte das von Chamberlain Engineering vorbereitete Auto des Privatteams Thyrring/ Terada/ Hardman an technischen Malaisen. Auch ein Jahr später wollte es nicht klappen. Da waren die beiden Trios Piper/ Hardman/ Iacobelli sowie Thyrring/ Fuchs/ Zwart im gelb-grünen Auto an den Start, doch keines von beiden sah die Ziellinie.
Von Monogram erschien 1990 die 24-fache Verkleinerung des Esprit Turbo SE, im selben Jahr wie das Original, das aus einem Vierzylinder-2.2-Liter-Turbomotor 268 PS schöpfte. Die stärkere Version Esprit Sport 300 mit 306 PS basiert auf dem SE. Sie wurde nur 1993 angeboten und zählt mit einer Kleinst-Auflage von gerade mal 64 Stück zu den Lotus-Raritäten. 1994 lancierte Monogram auch diese Ausführung.
Der Bau des Esprit setzt Erfahrung voraus, ist aber ein reines Vergnügen. Der Reichtum an Details bei Chassis, Turbo-Triebwerk und Interieur ist beeindruckend kann auch heutigen Erwartungen genügen. Durch Öffnen von vorbildgerechten Klappen lässt sich der Motorraum einsehen . Dank des herausnehmbaren gläsernen Dachteils kann man beim SE die stilecht nachempfundenen Raffledersitze bewundern. Was mich begeistert hat, ist der perfekt nachgebildete T-förmige Aluminium-Rahmen, gewissermassen das Rückgrat des Esprit. Man möchte am liebsten noch einen weiteren Kit kaufen, um dieses formale Meisterwerk ohne die – man will fast sagen «störende» – Karosserie separat neben dem Auto in die Vitrine zu stellen.
Die Gussqualität der Teile ist sehr gut. Nacharbeit ist nur selten nötig. Die Klarsichtteile sind schlierenfrei, nicht zu dick und passen nahezu perfekt. Die Bauanleitung, die auf Scalemates eingesehen werden kann, gibt einen Eindruck von dem Vergnügen, das den geübten Bastler erwartet. Die Unterschiede der Sportversion zur Basisversion sind allesamt komplett wiedergegeben, zum Beispiel Räder mit Fünfstern-Felgen, verbreiterte Radläufe, Spiegel, Front- und Heckspoiler und natürlich der Motor. Wer einen Anlass zur Kritik sucht, findet diesen höchstens in den Hartgummi-Reifen und der etwas wackelig ausgeführten Befestigung der Vorderräder.
Meine Wahl fiel bei der Lackierung des Sport 300 auf «Norfolk Mustard» (dunkelgelb, auch beim Original beliebt) und beim SE auf ein Blau, das dem Werks-Farbton «Pacific Blue Metallic» sehr nahe kommt.
Ich tue es nicht gerne, aber wenn Sie jetzt daran denken, ihren eigenen Lotus Esprit auf die Räder zu stellen, muss ich die Vorfreude dämpfen. Der Bausatz orientiert sich nicht nur hinsichtlich der Details eng am Vorbild, sondern auch beim Preisschild. Zwar sind die beiden Esprit-Kits auch dreissig Jahre nach ihrem Erscheinen noch online erhältlich, offeriert meist von Anbietern in den USA. Das heisst aber leider: happige Versandkosten nach Europa. Wer den relativ hohen Preis nicht scheut, der daraus resultiert, bekommt einen echten Klassiker auf den Basteltisch und eine schöne Abwechslung zur üblichen Ferrari-Lamborghini-Porsche-Herde in der Vitrine. Auch wenn der Griff zur Kreditkarte weh tut, möchte ich diesen antiken Supercar-Kit vorbehaltlos empfehlen und würde ihn jederzeit wieder bauen, besässe ich nicht schon beide Versionen…
Matthias Reinshagen Publiziert am 02. April 2026 © 2001-2026 Modellversium Modellbau Magazin | Impressum | Links |