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Bf 109 G-6

Jagdgeschwader 300

von Roland Sachsenhofer (1:48 Eduard)

Zum Nachtjagdverfahren „Wilde Sau“

Beschäftigt man sich mit dem Luftkrieg über Deutschland bei Nacht, so fallen bald Begriffe wie „helle“ und „dunkle Nachtjagd“, „Himmelbett“ oder „Zahme“ und „Wilde Sau“. Sie alle bezeichnen unterschiedliche Nachtjagdverfahren, die in ihrer Abfolge ein Spiegelbild der raschen technischen Entwicklungen und sich der verändernden taktischen Gegebenheiten im tödlichen Spiel um die Abwehr nächtlicher Bombereinflüge darstellen. Im nächtlichen Dunkel hatte der Einsatz stetig verbesserter Funkmessverfahren eine tragende Rolle übernommen- und bis Anfang 1943 schienen die Deutschen hier immer einen Schritt voraus.

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Hinter den für die Briten unerklärlichen deutschen Nachtjagderfolgen stand ein ausgebautes System von Radaranlagen, verbunden mit einer effektiven Führung der Nachtjäger von Leitständen vom Boden aus sowie das bordgestützte Funkmesssystem Lichtenstein B/C beziehungsweise S/N 2. Das Zusammenspiel dieses von den Küsten Westeuropas bis über die bedrohten Städte Deutschlands reichenden Netzes an Radaranlagen mit gut ausgebauten dazugehörenden Infrastrukturen ermöglichte der deutschen Seite längere Zeit, auf die nächtlichen Einflüge leidlich erfolgreich zu reagieren. Doch die Dinge sollten in Bewegung kommen und den deutschen Vorsprung mit einem Paukenschlag zunichtemachen.

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Nachdem eine mit dem neuesten Lichtenstein-Radarsystem ausgerüstete Ju-88 in britische Hände gefallen war, reagierten die Briten binnen kurzem in einer Weise, die sich sowohl als verblüffend einfach wie höchst erfolgreich erweisen sollte: die einfliegenden Bomber warfen massenweise Stanniolstreifen ab, die auf ihrem langsamen Flug nach unten jede Funkstrahlung ablenkten. Damit war die deutsche Luftabwehr mit einem Schlag blind geworden.

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Die verheerenden Angriffe auf Hamburg im Sommer 1943 und eine Nachtjagd, die beinahe ohnmächtig die Zerstörung geschehen lassen musste, verdeutlichten, dass umgehend etwas geschehen musste. Aus dieser Notlage heraus wurde das verwegene Konzept der „Wilden Sau“ erdacht, federführend ausformuliert und vehement gegenüber dem zögernden „General der Nachtjäger“ Josef Kammhuber vertreten von Major Hans-Joachim Hermann. Die Idee dahinter sah eine Nachtjagd vor, die völlig auf Funkmessverfahren verzichten konnte.

Bedingung dafür war, dass man die gegnerischen Flugzeuge erst direkt über dem bombardierten Ziel angreifen würde. Die Flakscheinwerfer hatten die Aufgabe, die Wolkendecke beziehungsweise den Rauch der brennenden Städte von unten zu beleuchten. Gleiches Ziel hatten die Flakbatterien, die anstelle Sprengmunition Leuchtgranaten mit fallverzögernden Fallschirmen feuern sollte. Auf der auf diese Weise hell erleuchtete Wolkendecke - Hermann sprach von einer „Mattscheibe“ - mussten sich die Silhouetten der Bomber abzeichnen und die Sichtung sowie einen konventionellen Angriff der einsitzigen Jagdmaschinen ermöglichen.

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Hatten die Briten mit „Windows“, wie die Stanniolstreifen auf Englisch genannt wurden, ein genial einfaches Konzept erdacht, so wirkte das Verfahren der „Wilden Sau“ beinahe wie ein technischer Rückschritt. Vor allem die Einschränkung darauf, die Bomber erst über dem Ziel - das womöglich auch schon hell leuchtend brennen sollte - anzugreifen, musste Kopfzerbrechen bereiten. Ebenso radikal war die Forderung, dass die Flak den Beschuss der Bomber während der „Wilden Sau“ vollkommen einzustellen hatte.

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Die Erleichterung auf deutscher Seite muss daher groß gewesen sein, als sich bei den ersten Einsätzen dieser neuen Taktik Abschusserfolge einstellten, die es schon einige Zeit nicht mehr gegeben hatte. Die einsitzigen Tagjäger schossen während zweier aufeinander folgender Angriffe auf Berlin mehr Flugzeuge ab, als die radargeführten Nachtjäger und die Flakbatterien gemeinsam zu Boden bringen hatten können.

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Das Pendel sollte allerdings schnell wieder den Vorteil auf Seiten der angreifenden Briten bringen. Das „Wilde Sau“ Nachtjagdverfahren war an einen engen Rahmen an Voraussetzungen, die alle gegeben sein mussten, gebunden. Veränderte sich einer dieser Parameter, kam das ganze System ins Schlingern. Tatsächlich hatten sich die Briten schnell an die neuen Umstände angepasst: wenn die Deutschen die „Nacht zum Tage“ machten, konnten sie das auch! Nach Vorbild der USAAF, die zeitgleich die Angriffe der „Tagjagd“ abzuwehren hatte, gruppierte man die Lancaster und Halifax nun in „Combat Boxes“; die vereinte und somit konzentrierte Feuerkraft der schweren Bomber machte unter den neuen Bedingungen den angreifenden Jagdmaschinen nun auch bei Nacht das Leben schwer.

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Die „Wilde Sau“ verlor so rasch die Wirkung, die Anfangserfolge der ersten beiden Angriffe im Sommer 1943 sollten sich nicht mehr einstellen. Dazu kam, dass die Kommunikation zwischen Bodenleitstellen der geführten Nachtjagd, den Kommandeuren der Flakbatterien, die nicht mehr feuern durften und der Einsatzführung der zur „Wilden Sau“ überstellten Tagjäger-Einheiten sich als derart aufwändig und komplex erwies, dass dieses Nachtjagdverfahrens de facto auf Berlin beschränkt blieb.

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Der rasch nachlassende Erfolg lässt sich auch an der geringen Zahl der der „Wilden Sau“ zugerechneten Einheiten ablesen. Das JG 300, zu dem die dargestellte Maschine gehörte, ist eines von nur drei Geschwadern, die zur Durchführung des neuen Konzepts geschaffen worden sind. Noch vor Ende des Krieges wurden diese Einheiten teils aufgelöst, teils deren Ressourcen für andere Aufgaben verwendet. Die „Wilde Sau“ sollte jedenfalls rasch durch ein neues Konzept ergänzt werden, bei dem eine weiterentwickelte Radartechnik wieder essentiell sein würde, der „Zahmen Sau“. Aber das ist, wie man so schön sagt, eine andere Geschichte.

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Zum Vorbild

Die „Rote 6“ der 2./JG 300 war in gezeigter Form im Spätherbst 1943 in Bonn-Hangelar stationiert. Geflogen wurde sie von Arnold Döring, einem erfahrenen Flugzeugführer, der, wie so viele in der Nachtjagd, ursprünglich als Kampfflieger flog. Döring war von Ende 1940 bis 1943 bei zwei mit He 111 ausgerüsteten Einheiten, dem KG 53 und folgend dem KG 55 im Einsatz gewesen.

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Als Angehöriger des JG 300 sollten ihm sieben Abschüsse gelingen, fünf bei Nacht, drei bei Tag. Im Mai `44 kam er zum NJG 2, wo er mit der Ju 88 wieder ein zweimotoriges Muster, aber eben als Jagdmaschine, fliegen konnte. Insgesamt werden Arnold Döring 23 bestätigte Abschüsse zugerechnet.

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Auch nach der Rückkehr aus britischer Gefangenschaft blieb er der Fliegerei treu - und dem Militär: 1957 trat Döring  in die Luftwaffe der neuen Bundeswehr ein. Die folgende Laufbahn führte ihn ab 1963 zum MAD, dem militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr. 1972 schied er aus und trat in den Ruhestand, Arnold Döring ist im Jahr 2001 in Düsseldorf verstorben.

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Meine Betrachtungen zum Bau dieser interessanten Maschine kann ich diesmal kurzhalten. Nicht nur, weil die „Rote 6“ die dritte von vier parallel gebauten „Gustavs“ ist, die ich hier vorstellen darf, sondern auch, weil sich eine Beschreibung der Bausatzqualitäten in einem Wort konzentrieren lassen kann: wunderbar!

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Wenn Ihr Euch aber doch selbst ein Bild machen möchtet, kommt Ihr hier zu einem ausführlichen Baubericht auf „Scalemates“. Wie immer stehe ich für Anregungen und Fragen offen: ro.sachsenhofer@gmx.at

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Hier sieht man das ganze Quartett, die Schwarze 11 links vorn möchte ich in einem abschließenden Beitrag zu diesem Thema präsentieren
Hier sieht man das ganze Quartett, die Schwarze 11 links vorn möchte ich in einem abschließenden Beitrag zu diesem Thema präsentieren

Roland Sachsenhofer

Publiziert am 04. April 2022

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