Keldysh Suborbitalfahrzeugvon Roland Sachsenhofer (1:72 AMP - Accurate Model Parts)Der „Keldysh-Suborbitalbomber“ leitet seinen Namen vom hochdekorierten sowjetischen Mathematiker und Raumfahrttheoretiker Mstislav Vsevolodovich Keldysh ab. Er stand in der Sowjetunion der späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahren hinter einem Raumgleiterprojekt, dessen zugrundeliegendes Konzept ursprünglich allerdings mit einem anderem berühmten Namen verbunden war: die Ingenieure Eugen Sänger und Irene Bredt hatten im Deutschland der Vierzigerjahre mit großem Einsatz das Konzept eines Suborbitalfahrzeuges propagiert, das auf einem genauso erstaunlichen wie innovative Ansatz zur Überwindung interkontinentaler Distanzen beruhte.
Dieses Konzept von Sängers „Antipodenfahrzeug“ versprach einen ungewöhnlich effizienten Weg, über weite Entfernungen mit hohen Geschwindigkeiten und damit in kürzester Zeit zu reisen. Das Fahrzeug würde dabei unter Raketenantrieb die Erdatmosphäre verlassen. Aus dieser Höhe sollte es nun abtauchen, um mit großer Geschwindigkeit energiesparend auf den dichter werdenden Atmosphärenschichten zu gleiten und dabei große Entfernungen zu überwinden. War die Energie aufgebraucht, feuern die Raketentriebwerke erneut, um die Flugbahn des Atmosphärengleiters wieder in den Erdorbit zu heben, von wo aus sich dieser Zyklus wiederholen ließe.
In den Jahren des NS-Regimes wurde Eugen Sänger nicht müde, der deutschen Führung diesen Atmosphärengleiter, nun als „Silbervogel“ vermarktet, als Interkontinentalbomber und somit als Lösung für die Suche nach dem „Amerikabomber“ schmackhaft zu haften. Bis 1943 wurde in Peenemünde teils intensiv an der Verwirklichung von Sängers „Silbervogel“ geforscht, die Arbeiten aber noch vor Kriegsende zugunsten schneller zu verwirklichender „Wunderwaffen“ eingestellt.
Nachdem die Sowjets in den letzten Kriegswochen die Anlagen der Heeresversuchsanstalt Peenemünde übernommen hatten, wurden auch die Unterlagen zum aus militärischer Sicht vielversprechenden Sänger-Suborbitalgleiter ausgewertet. Stalin persönlich soll interveniert haben, um den Interkontinentalbomber rasch verwirklicht zu bekommen. Hier findet auch die Geschichte ihren Platz, dass auf Anordnung des Sowjet-Diktators ein Agententeam Eugen Sänger ausfindig machen und in die UdSSR entführen sollte. Der Verlauf dieser Operation und die Gründe ihres letztendlichen Scheiterns bleiben in vielen Zügen im Dunklen und sollen hier nicht weiter geschildert werden, die Geschichte illustriert allerdings gut, mit welcher Dringlichkeit ab 1946 an der Verwirklichung des Suborbitalbombers gearbeitet worden ist.
Das von Mstislav V. Keldysh geleitete Team des eigens für das Raumgleiterprojekt gegründeten Forschungsinstituts NII-1 NKAP wies nun nach, dass Sängers Plan eines rein raketengetriebenen Flugs einen entscheidenden Pferdefuß aufwies: der potentiell globalen Reichweite des Konzepts stand der exorbitante Treibstoffverbrauch der Raketentriebwerke im Weg. Das relativ geringe Treibstoffvolumen an Flüssigsauerstoff und Kerosin, das an Bord unterzubringen war, würde globale Reichweiten unmöglich machen. Mstislav Keldysh konnte aber auch eine Lösung dieses Dilemmas in Form des Einbaus von zwei Staustrahltriebwerken für den Atmosphärenflug anbieten.
Ein Erstflug des so neukonzipierten Orbitalfahrzeug wurde aus der Perspektive des Jahres 1947 für die beginnenden 1950er erwartet, um die Mitte des Jahrzehnts sollte man mit ersten Einsatzmaschinen rechnen können. Unter diesen Vorzeichen stellte man sich einen Flug des Keldysh Suborbitalfahrzeuges wie folgt vor: das auf rund 100 Tonnen Startgewicht berechnete Fahrzeug startet auf einem von fünf RKDS-100 Raketen angetriebenem Raketenschlitten über eine drei Kilometer lange Strecke. An deren Ende, elf Sekunden nach Beginn der Beschleunigung, hat der Orbitalgleiter 500 m/s erreicht und löst sich vom Startschlitten. Mit dem vereinten Schub von Ramjets und im Heck montierten RKDS-100 Raketen erreicht das Gefährt eine Höhe von 20 Kilometer. Die Geschwindigkeit beträgt nun Mach 3. Dies reicht aus, um den Suborbitalgleiter weiter außerhalb der Erdatmosphäre zu tragen. Von hier aus „hüpft“ der Atmosphärengleiter in oben beschriebener Weise in das Einsatzgebiet, von dort aus weiter zum berechneten Ort der Landung, die in konventioneller Weise auf eigenem Fahrwerk erfolgt. Die Reichweite sollte zumindest 12.000 Kilometer betragen.
Die Arbeiten am NII-1 NKAP endeten, ohne dass je ein „Keldysh-Suborbitalgleiter“ Form angenommen hätte. Nicht einmal Konzeptmodell in 1:1 war angefertigt worden, als man das Projekt zu Beginn der Fünfzigerjahre einstellte. Zu dieser Zeit dominierten bereits konventionellere Raketen-Konzepte die militärischen Planungen der inzwischen zur zweiten Atommacht „aufgestiegenen“ Sowjetunion. Allerdings blieben Keldyshs Forschungen und die Arbeit am NII-1 NKAP nicht ohne weiterreichende Wirkung: die Technik von Ramjet-Antrieben wie die Forschung zum (Sub-)Orbitalflug profitierten von der Arbeit am sowjetischen Sänger-„Silbervogel“.
Die Erkenntnisse flossen konkret in die Konzeptionen von EKR, MKR, La-350 Burya und M-40 Buran ein, also Konzepten für unbemannte Raketenflugkörper mit interkontinentaler Reichweite. Auf Seite der USA entsprach am nächsten die X-20 Dyna Soar dem Keldysh-Suborbitalbomberprojekt. Schlussendlich kann man all diese Projekte als Vorbereitungen für gottseidank friedlichere und der Weltraumforschung gewidmeten und tatsächlich gebauten Orbitalfahrzeugen wie dem Space Shuttle oder der russischen Raumfähre Bruan 1.01 sehen. Heutige Raumfähren wie Boeing X-37 oder Dreamchaser setzen diese Linie fort.
Zu Bausatz und BauprozessWie hätte der Keldysh Orbitalgleiter wohl ausgesehen, wäre er wirklich gebaut worden? AMP gibt darauf seit 2023 eine Antwort, in dem es den 2021 erschienen ursprünglichen Bausatz zu Sängers „Silbervogel“ mit dem Zusatz zweier Staustrahltriebwerke an den Flächenenden zu einem Keldysh-Suborbitalgleiter umgemodelt hat.
Der Bausatz kommt nüchtern und ohne Umschweife zur Sache: aus erstaunlich wenigen Teilen entstehen die futuristischen Formen dieses hypothetischen Raumfahrzeugs, wobei sich AMP durchaus nahe und treffend an die erhaltenen Planzeichnungen aus der Vierzigerjahren hält.
Allzu viel an Detailierung sollte man von diesem ansonsten stimmigen Bausatz nicht erwarten. So bleiben die Fahrwerkschächte weitgehend leer, auch die Fahrwerkbeine überlassen vieles lieber der Vorstellungskraft des Betrachters, als mit Details zu protzen. Gelungen sind dagegen sicherlich die Schubkegel der beiden Triebwerke an den Flächenenden. Diese werden als Resinteile geliefert und machen, einmal montiert, eine gute Figur.
Am ehesten als aufwändig kann man meine Aktivitäten zur Darstellung einer NMF-Oberfläche ansehen: hier habe ich mit in mehreren Sitzungen aufgebrachten Alclad-Metalltönen versucht, eine glaubhaft lebendige Metalloberflächen zu gestalten. Die Art der Lackierung sowie der Markierungen habe ich aus dem Bausatz übernommen. Nach diesen Erfahrungen kann ich mit Überzeugung sagen: dieses Modellbauvergnügen ist allen an der Thematik Interessierten wärmstens zu empfehlen!
Spannend war dieses Projekt auch deshalb, weil ich parallel dazu einen Sänger-Suborbitalgleiter „der anderen Seite“ gestaltet habe. Hätten nicht auch die Amerikaner ein so weitgehendes Interesse an Sängers Konzept haben können, dass daraus ein „X-plane“ entstanden wäre? Meine Variante dieser Fiktion werde ich in einem folgenden Beitrag zeigen.
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Roland Sachsenhofer Publiziert am 07. Februar 2026 © 2001-2026 Modellversium Modellbau Magazin | Impressum | Links |